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Das Russell-Tribunal II als Gegenarchiv zur Unternehmensverantwortung

Cover of the book "Fantomas contra los vampiros multinacionales" by Julio Cortázar which deals with the Russell Tribunal II

Cover of the book "Fantomas contra los vampiros multinacionales" by Julio Cortázar which deals with the Russell Tribunal II

Zwischen 1974 und 1976 tagte das „Russell-Tribunal II zu Repressionen in Brasilien, Chile und Lateinamerika“ insgesamt dreimal in Rom und Brüssel, um sich mit Staatsverbrechen und unternehmerischer Gewalt während der Diktaturen in Lateinamerika auseinanderzusetzen. Dieses Gericht war das Ergebnis einer außergewöhnlichen transnationalen zivilgesellschaftlichen Zusammenarbeit und brachte Juristen, Personen aus dem Exil und Intellektuelle zusammen, um Beweise zu sammeln und Verstöße gegen das Internationale Recht in mehreren lateinamerikanischen Ländern zu beurteilen.

Die zweite Sitzung des Tribunals konzentrierte sich vollständig auf die Rolle transnationaler Konzerne bei der Unterdrückung in den untersuchten Ländern und versuchte, den Zusammenhang zwischen den in der Region etablierten repressiven Regimes und der wirtschaftlichen Ausbeutung durch transnationale Konzerne zu ergründen. Das Tribunal fand vor der Institutionalisierung des internationalen rechtlichen Regimes zur Unternehmensverantwortung, wie wir es heute kennen, statt. Es bietet daher einen wichtigen Einblick in alternative Visionen der Unternehmensverantwortung in einer Zeit, in der im Zuge der Dekolonialisierungsprozesse das Internationale Recht sowie die Weltwirtschaftsordnung stark umkämpft waren.

Auf der Grundlage des Archivmaterials des Russell-Tribunals II und von Interviews mit noch lebenden Zeitzeug*innen untersuchen wir derzeit, wie die Teilnehmer*innen des Russell-Tribunals II versuchten, die Verantwortung transnationaler Konzerne für systematische Menschenrechtsverletzungen politisch und rechtlich zu fassen.

Um die umfangreiche Archivsammlung des Tribunals zu erschließen, erstellen wir in Absprache mit der Fundazione Basso eine durchsuchbare Datenbank der Archivdokumente. Wir nutzen textbasierte, visuelle und literarische Methoden zur Auswertung des Materials. Das Projekt wird in Zusammenarbeit mit Prof. Bethania Assy (PUC-Rio de Janeiro) durchgeführt.